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Pfarrhaus der Pfarrei St. Andreas Untermarchtal

90 Jahre Pfarrhaus der Pfarrei St. Andreas Untermarchtal

Der damalige Pfarrhaus-Neubau in Untermarchtal im Jahre 1923 jährt sich heuer zum 90. mal. Pfarrer und Dekan Felix Stiegele verwirklichte den Plan für ein neues Pfarrhaus mit der Kirchengemeinde St. Andreas in einer schwierigen Zeit der Geldinflation gegen alle Widrigkeiten und konnte die Bauausführung auch mit der Genehmigung des württembergischen Finanzministerium im Jahre 1922 beginnen. Zuvor war aber ein umfangreiches Grundstücks-und Gebäudetauschverfahren mit der bisherigen Besitzerfamilie Beck und Ege zu bewältigen. Wie sich herausstellte ein nicht zu unterschätzendes Unternehmen. Finanziell lag die Genehmigung des Finanzministerium und des Katholischen Kirchenrat – der Interkalarfondsverwaltung- sowie des Bezirksnotariat Munderkingen vor. Der vorinflationäre Kostenvoranschlag für das Grundstück-und Gebäudetauschverfahren „altes Gebäude der Familie Beck-Ege bei der Kirche“ gegen das bisherige „alte Pfarrhaus in der Herrengasse“, erbaut etwa um 1740, lag im Jahre 1922 bei 30 000 Goldmark. Der Tauschwert ging dann während der Inflation Ende 1923 auf astronomische 60 Billionen Mark hoch. Pfarrer Stiegele vermerkte dann in launischer Art in der Pfarrschonik, „das sei das teuerste und doch zugleich billigste Pfarrhaus´, das der Staat je gebaut hat“. Zum alten Pfarrhaus und ehemaligen Kaplaneihaus der Freiherren von Speth in der ehemaligen Herrengasse und heutigen Freiherr-von-Spethstraße gibt es noch ein paar historisch-interessante Vermerke. Ab dem Jahre 1481 genehmigte der Bischof von Konstanz der Filialgemeinde Untermarchtal von der Stammpfarrei Neuburg eine eigene Kaplanei als „Schloßkaplanei“ in den Räumen des Schloßes. Im Jahre 1613 kam eine zweite Kaplanei, gestiftet von Baron und Ritter Ulrich von Speth zu Untermarchtal und seiner Gattin Ursula von Schad zu Mittelbiberach auf dem „Berg zu Untermarchtal“, der heutigen Pfarrkirche, hinzu. Als 1830 Untermarchtal eine eigene Pfarrei unter dem Patronat von Freiher Friedrich von Spet, wurde, sind diese beiden Kaplaneien vereinigt worden. Zuvor aber schon im Jahre 1749 kam der Weltpriester und Kaplan-Kurat Anton (Franz Xaver) Sailer als „Hofkaplan“ in die Kaplanei des Baron von Speth nach Untermarchtal. Er war der leibliche Bruder von Pater Sebastian Sailer, dem Prediger, Seelsorger und Prämonstratenserpater vom Kloster Marchtal und beide hatten einen guten, herzlichen Kontakt zueinander. Wie es dem Buch von Verfasser Hermann Blankenhorn aus Allmendingen und über den „Heiligen Tiberius von Obermarchtal“ heißt, sind die Festpredigtfassungen von Anton Franz Xaver Sailer von der Zeit bei „seiner hochfreiherrlichen Gnaden beim Herrn Baron von Speth in Untermarchtal als Hofkaplan“ zusammengefaßt. Ursprungsverlag Matthäus Rieger und Söhne Augsburg im Jahre 1770. Die beiden Brüder Sailer unterstützten sich im Seelsorgedienst im Bereich von Marchtal und darüber hinaus. Franz Xaver Sailer war bis 1812 Kaplan in Untermarchtal und wohnte im Kaplaneihaus seines Dienstherrn Baron von Speth in der damaligen Herrengasse das ab 1830 bis 1923 Pfarrhaus war. Die Besitzer haben seit dem mehrmals bis zum heutigen Tag gewechselt und setzen so die Geschichte eines alten Hauses im Dorf fort.

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Foto des „alten, ehemaligen Kaplaneihaus und Pfarrhaus von 1740 in der Untermarchtaler Freiherr-von-Speth-Straße“

Pfarrer Felix Stiegele – auch in der Politik tätig Seine politischen Wurzeln lagen bei ihm in der seinerzeitigen Zentrumspartei und dem Volksverein für das katholische Deutschland –VkD-, dessen Landessekretär er war, eine Organisation, die bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1934 in der Volksbildung und Sozialpolitik auch in Konkurrenz mit der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften und sogar mit Teilen des Episkopat und konservativen Kräften im Zentrum, stand. Eine spannende Zeit. Als Kandidat der Zentrumspartei wurde Stiegele von 1914 – 1918 in den Reichstag in Berlin und von 1916 – 1921 in den Stuttgarter Landtag gewählt. Durch den politischen Wechsel schied er aber 1918 aber aus dem parlamentarischen Leben aus. Ein Verhör durch SA-Leute in einer Sonderkommissiion im Jahre 1933 brachte ihm eine kurzzeitige Verhaftung ein. Er widersetzte sich öffentlich gegen die NS-Anordnung, den „Volksverein für das katholische Deutschland“ aufzulösen. Der Vermerk in der Chronik „O Gott, gib mir die Kraft, still zu Leiden“ störte die seinerzeiigen Machthaber. 1932 inzwischen zum Dekan des Land-Kapitels Ehingen (Donau) bis 1949 gewählt, war die Untermarchtaler Pfarrei wie andere Pfarreien auch, verpflichtet worden, eine „Metallspende dem deutschen Volk zum Geburtstag des Führers im Jahre 1940“ zu geben. „So müssen wir wieder unsere schönen Bronceglocken dem Vaterland opfern wie im letzten Krieg“. Nach dem ersten Weltkrieg sammelte Stiegele in seiner Gemeinde für 2 neue Glocken.

Sein Onkel, Geheimrat Dr. Stiegele übernahm einen Teil der Kosten von damals 80.000 Mark. Als 8. Pfarrer der Untermarchtaler Pfarrei St. Andreas war er von 1917 bis zu seinem Tod im Jahre 1951 tätig.

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Das jetzige Pfarrhaus erbaut 1923 im Kirchweg